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Das Buch "SÜD- und WESTEUROPA zu Fuss neu entdeckt"
Klappentext

Wie kommt ein junger Mann auf die Idee, sich aus unserer doch so weiten Welt das eher kleine Europa herauszusuchen und dafür umso intensiver – zu Fuß! – und mit umfangreichem Outdoorwissen zu bereisen? Zuerst marschierte er 2009 durch Westeuropa, 2011 und 2012 durch Südeuropa. Dabei lernte er neben vielseitigster Natur und oft waaghalsigen Momenten auch die Kulturen und Menschen, sowie sämtliches Essbares am Wegesrand intensiv kennen.
Insgesamt 16.000 Kilometer, 26 Monate und 7 Paar abgelaufene Wanderschuhe voller Erfahrungen warten auf Sie.

Informationen allgemein

  • Genre: Bebilderter Reisebericht
  • Format: Hardcover
  • Seiten: 180
  • Jahr: Bestellbar ab Oktober 2012
  • I S B N: Wird noch von der Deutschen Büchereigenossenschaft erstellt
  • Preis: 16,95 Euro / 21,50 SFr

Leseprobe

Vorwort

Ich bin Individualreisender. Die 16.000 Kilometer, deren Abenteuer ich in diesen Reiseberichten schildere, erkundete ich zu 95 Prozent zu Fuss, stets mit meinen 90-Liter-Rucksack (Fassung von 20 Kilogramm) und klarer Sichtweise (mitunter durch Zeiss- und Leica-Kameratechnik).
Eigentlich erkundete ich 2009 als Erstes Westeuropa, 2011 und 2012 kam der Süden. Aber würden Sie ein Buch kaufen, das mit "Westeuropa" beginnt - seien Sie ehrlich. In unserem Hinterkopf denken wir dann immer: Der Westen als Klischee für seinen kapitalistisches System, unansehnlichen Industrien und distanzierten Menschen. Ich zeige Ihnen in diesem Reisebericht, dass es meist wirklich Vorurteile sind.
Beginnend mit den Vorbereitungen zu dieser Extremwanderung möchte ich Sie entführen in die im Frühjahr prächtig aufkeimenden, bergig-bewaldeten Beneluxstaaten, bis es in den Niederlanden flach und sandig wird; wo Kanäle und herrlich schattige Kiefernwälder das Land säumen, ebenso wie wilde Strände. Im obersten England bereisen wir das malerische Pennine-Mittelgebirge mit Wasserfällen und Schluchten, voller traditioneller Dörfer und Städte. Diese Gastlichkeit erlebte ich stärker denje dann in Schottland mit einem bunten Kulturfestival, schottischen Whiskyproblemen, sowie unsteteem Wetter und wildester Schönheit am Loch Lomond, dem grössten See Schottlands in den West-Highlands. Hier begegnete ich die interessantesten und herzlichsten Menschen. Halb in dieses Land verliebt verschlug es mich jedoch auf die teils stark befahrenen Freizeitstrassen Irlands, wo ich dafür erneut freundlichen Menschen begegnete und den atemberaubenden Wicklow-Mointain-Nationalpark durchwanderte. Über die See kam ich dann nach Westfrankreich, erkundete vorerst die zerklüfteten Küsten und dann das Innere der grün und herbstlich-bunten Bretagne, die von tausenden Wasseradern durchzogen wird. Zum Ende der Trekking-Erkundung Westeuropas folgte ich Jakobswegen durch Feldland, Weingebiete, den hiessigen Kiefernwald um Bordeaux bis hin in die atemberaubenden Pyrenäen, die mich mit Ihrer Schönheit und den Gebirgshöhen faszinierten. Leider unterbrach ich - wegen im Buch geschilderter Probleme - hier meine 1. Reise.
Das Reisefieber und die Sehnsucht verflog nie, zumal die Zuschauer meiner Diavorträge mich immer wieder ermutigten. Darum brach ich im Februar 2011 erneut auf - diesmal für knapp 2 Jahre -, um Südeuropa zu erkunden und für mein Puplikum intesiver denje festzuhalten. Wieder mit meiner alteingebrachten Ausrüstung genoss ich die andauernd wachsenden Südfrüchte Portugals und erwanderte den Jakobsweg Spaniens in die anderer Richtung, wobei ich den oft unangenehmen Touristenstrom und den Strassen mit gesunder Skepsis begegnete. Auf diesem Weg hielt ich dafür alle erdenkich spanischen Landschaften fest, von Halbwüsten bis hin zu Weinbergen und Gebirgen. Als ich in die Pyrenäen zurückkehrte, bestritt ich sie (die damalige Liebe erlosch nie!) für 6 Wochen intensivst, bergauf und -ab von oft 0 auf 2400 Höhenmeter, mit wilder Schönheit der Tier- und Gebirgswelt, vereisten Bergkämmen, malerischen Seen und kräftezehrendem Wetter. Nach diesen 6 Wochen liessen dann auch meine Knie nach und ich folgte alten Jakobswegen durch Südfrankreich, wo ich intensiv mit den Menschen in Kontakt kam und ich Herzlichkeit und Vielschichtigkeit zugleich erfuhr, sowie atemberaubende Landschaften wie das Languedoc und Westalpen-Gebirge, sowie die flache Mittelmeerregion bei Montepellier, die künstlerisch-anregende Provence sowie das Leben an dem Fluss Rhone. Ich gelangte schließlich in die französisch-sprachige Südschweiz an den Genfer See, da dies ebenso noch zu Südeuropa gehört. Seither hielt und bekam ich stets wieder Medienkontakt mit den Zeitungen größerer Städte, um über meine Aktionen aufmerksam zu machen. Nach einem Abstecher zum großen Mont-Blanc in Italien hetzte ich durch die wässrige Poebene und einer Insektenplage - entlang der 'Via Francigena' - einem leider oft auf Straße entlangführenden Pilgerweg Richtung Rom. Über die Apenninen hinaus kam ich an die malerische Rivera nahe 'La Spezia'. Danach schlug ich mich wieder ins Landesinnere, zurück in die Apenninen, wo ich 2 Monate auf einem Wwoof-Hof für Kost und Logis arbeitete. Danach marschierte ich In einem regelrechten Dauerlauf einen Monat - durch die malerische Toskana - bis nach 'Rom', das ich puenktlich zu meine 25. Geburtstag im neuen Jahr 2012 erreichte. Leider peinigte mich dadurch eine Sehnenscheidenentzuendung im linken Fussgelenk, sodass ich folglich 2 Wochen ausheilen lassen musste. ...


Kapitel 1
Vorbereitungen und Zweifel zur ersten großen Tour

Europa. Wenn wir den Namen hören, denken wir an nichts besonderes. Dabei bietet unsere Heimat weitaus mehr, als wir uns vorstellen. Dies habe ich bewießen: Denn 16.000 Kilometer liegen hinter mir. Ich habe 20 europäische Staaten durchwandert, Menschen getroffen und viele prägende Eindrücke gewonnen. Auch peinigte mich oft die Einsamkeit. Warum aber habe ich mir diese Bürde auferlegt?
5 Jahre hatte ich in einem abgeschotteten, chemieversetzten und stressigen Produktionsbetrieb gearbeitet. Meine Lebensweise war damals wie die meiner Kollegen: Es waren Träume wie vom schönen Auto und Haus, Freundin, leckerem Essen – bloß dass ich gern in die Natur ging und schrieb: Wie mir erst während meinen Reisen bewusst wurde tat ich das, um mich vom Frust der Arbeit und der Arroganz abzulenken, die mich in unserem westlichen System nie losließ und mich zum ewigen Nachgrübeln brachte.
Im 5. Jahr hatte ich jeden Morgen mit Magenkrämpfen zu kämpfen. Dies war mitunter durch den Stress und stetigen Schichtwechsel eingetreten, da mein Körper keine Ahnung mehr hatte, was sein richtiger Rythmus war. Man nennt den Magen nicht umsonst das 2. Gehirn. Mir gab er vor Ausbruch eines Geschwürs und Magenbluten zu verstehen: 'Schluss, ziehe die Notleine, solang du noch kannst!' Hätte ich den Arbeitsvertrag nicht auslaufen lassen, hätte ich heute Magenkrebs oder den Darm als Magenersatz, wäre nur noch ein halbes Wrack, das man dennoch weiterhin in solche Betriebe stecken kann. Damit aber war Schluss! Wie sollte es weitergehen, wird sich jeder fragen? Mein Plan war zu wandern, da es mir nach oder vor der Arbeit stets Befriedigung brachte und mich die Hektik und den lauten Stadtlärm, in der Natur vergessen ließ. Da ich die große Welt nicht kannte, wollte ich mit dem beginnen, wo mir kein Kulturschock drohte: Westeuropa war dafür ideal, und vor allem auch sehenswert, wie Schottland und mehr.
Ich war zudem fasziniert von Ikonen wie Rüdiger Nehberg und anderen Freidenkern. Denn: Wer von uns hat noch nie davon geträumt, alles einfach hinter sich zu lassen, seinen Hausrat zu schultern und loszuziehen? Und seinen eigenen Weg zu bezwingen. Dies war ich im Begriff zu wagen.
Doch kamen rasch die Zweifel: Woher nehme ich das Geld? Gefährde ich mit meinem Ausbruch meine Zukunft, gar meine Gesundheit?
Mit der Entlassung aus meinem Betrieb – in dem ich meinen Facharbeiter zum Holzmechaniker gemeistert und insgesamt 5 Jahre gearbeitet hatte – wurde mir eines klar: Die Türen standen offen. Mit diesem Ansporn, dass ich mein Leben nicht der Ausbeute des westlichen Systems verdingen wollte, stellten sich die Zweifel als anfängliche Ausreden heraus. Ich war jung, ungebunden und voller Ungeduld. Die Wohnung war schnell gekündigt.
Natürlich musste ich vielerlei vorbereiten. So legte ich mir meine Ausrüstung zu, die ich als Hausrat mit mir tragen würde. Auf dem 'Rennsteig'-Höhenweg testete ich ein halbes Jahr vor dem Start meinen 90-Liter-Rucksack, Schlafsack, Wasserfilter, Solarlader und weitere Kleinigkeiten. Mit dieser Ausrüstung hoffte ich, mich größtenteils frei von der Gesellschaft zu bewegen – ohne teure Herbergen, Flaschenwasser oder Steckdosen.
Jede Mußestunde wanderte ich damit. Die Spaziergänge im Wald, von Frischluft und natürlicher Stille umgeben, ließen mich entspannen und von meinen schmerzlichen Magenproblemen ablenken.
Auch sammelte ich Wissen über Essbare Wildpflanzen. Der Naturführer Mike Lenzner aus Blankenberg veranstaltete Exkursionen zu diesem Thema. Von ihm konnte man das verlorene Wissen enthuisiastisch aufsaugen wie ein Schwamm.
Nebenbei zog mich mein ehemaliger Arbeitskollege Frank P. in die analoge Fotografie hinein, damit ich so meine Reise festhalte und später zu Diavorträgen ausweiten konnte. Trotz unseres modernen Zeitalters hat die altmodische Technik zur Digitalen viele Vorteile: Die Kameras verschlingen kaum Strom, wiegen nicht viel und erzielen eine deutlichere Tiefenschärfe als bei guten Digitalkameras möglich wäre. Überzeugt legte ich mir einen Qualitäts-Fotoapparat von 'Leica' und 'Zeiss' zu. Auch besuchte ich viele Diavorträge, um mir entsprechendes Präsentationswissen anzueignen.
Während der Recherche und Routenplanung lernte ich aus einem Survival-Buch und durch den Jugendverein 'NAJU' einige Outdoor-Tricks. Ich härtete mich durch Fitness, Wechselduschen und Eisbaden ab. Auch suchte ich Begleiter, die mit mir ausbrechen wollten. Als ich mich mit einer Hand voll getroffen hatte, sagten einige wieder ab. Einzig eine Frau mit Sohn wollte mich zum Anfang begleiten. Ich war optimistisch.
Als mir im Januar 2009 ein Freund eine Website für die Reise erstellte, nahm mein Plan immer deutlicher Form an. Einerseits brannten meine Füße auf den Start. Andererseits fragte ich mich nun: Wo habe ich mich da hineingeritten? Meine Wohnung hatte ich schon gekündigt. Also hielt ich an meinem Plan fest. Bis über Ostern hinaus übte ich, holte Impfungen ein und schloss mit der Bürokratie (Krankenversicherung und Abmeldung von der Arbeitsagentur) ab.
Obwohl gerade meine Eltern von meiner Reise nicht begeistert waren, gab ich noch ein großes Abschluss-Essen. Dabei konnte ich sie mit einer Rede und der Erläuterung meines Plans beschwichtigen.
Am 26. April 2009 war es soweit: Unter blühenden Kirschbäumen verabschiedete ich mich von meiner Familie. Doch als auch meine beiden Anfangsbegleiter absagten, wurde ich bewegungslos. Wofür aber hatte ich soviel aufgegeben – ein ganzes Leben zerstört?! So stieg ich in den Zug. Mein Ziel war 'Wetzlar' (bei Frankfurt / Main). Dort hatte ich meinen letzten Traum – beim Verlag meines Fantasy-Romans – gelassen. Und ersetzte ihn von hier aus durch einen neuen. Es war ein für mich symbolträchtiger Ort, da Wetzlar zugleich Sitz der 'Carl-Zeiss-' und 'Leica'-Kameratechnik ist, mit der ich meine Reisen seither – neben dem Reisetagebuch – festhielt. So marschierte ich los: Für ein 'neues' Leben.
Damals war ich erst 22 Jahre alt.

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Kapitel 9
Wildes Schottland


3. September 2009> Nun hatte ich also meinen Nordpunkt an den westlichen Highlands von Schottlands erreicht. Noch von Nebelschwaden und Regengüssen umhüllt, ist der 'Loch Lomond' (Nationalpark Trossachs) in einem Tal eingekesselt. Durch die speißenden Wasserfälle und der Meeresverbindung zur Irischen See ist er der größte See des Landes. Dazu fällt hier viermal mehr Niederschlag als an der Ostküste Britanniens. Dies hatte ich ja bereits in den letztenn Wochen zu spüren bekommen.
Über die klitschigen Pfade des hier entlangführenden 'Westhighland-Ways' hinauf, erreichte ich die Steinbothy 'Doune Byre'. In ihr richtete ich mich für mehrere Tage ein, trocknete Klamotten und reparierte verschlissene Ausrüstung. Neben dem Holzschlagen für den Kamin entdeckte ich allerlei Hirschkühe in der Nähe, genauso wie Wildziegen, deren Fell man schon aus 500 Metern Entfernung riecht.
Auch lernte ich – durch den Wandertourismus – viele Menschen kennen, die in der Steinhütte übernachteten. Etliche kamen auch aus deutschen Regionen. Eines Nachmittags erschienen jedoch sechs bullige Schotten – mit zwei Kindern –, die Unmengen Bier tranken, mein Holz verfeuerten, grölten und bis in die späte Nacht hinein auch noch koksten. Hätten mir nicht vier deutsche Frauen über Nacht Gesellschaft geleistet: Ich hätte im Regen mein Zelt aufgeschlagen.
Kaum waren die Schotten am Folgemorgen gegangen, versuchte ich etwas zu schreiben. Doch herrschte in der Bothy drückende Stimmung, wie auch wenig Licht. Darum verließ ich sie und marschierte einige Meilen nach Süden. Denn Wanderer hatte mir einen Tipp gegebenen: Ich verließ den Hauptweg des West-Higland-Ways in einer kaum sichtbaren Weggabelung und fand im Walddickicht die 'Rowchoish'-Bothy. In ihr wurden nämlich vor kurzem Plexiglas-Dachelemente restauriert. Ich fand darum genug Licht zum Schreiben, und weniger Wanderbetrieb. Mit dem Schotten David P. – der wie ich mehrere Tage in den Bothys verweilte – teilte ich mein Wissen über essbare Wildpflanzen und schlug Holz für einen abendlich knisternden Kamin, wo sich auch der Kajakfahrer Jim einfanf. Leider brachen beide am nächsten Tag wieder auf. Ich blieb eine weitere Nacht, wo mir 2 Australier Gesellschatf leisteten.
Auch ich marschierte dem gut ausgebauten West-Highland-Way weiter. Dafür schlug meine Route nun kompett nach Süden ein, da es spürbar kühler wurde. Der 'Loch Lomond' hatte zudem in der ersten Woche meist im Regen gelegen. Nun aber klarte es auf. So fotografierte ich äußerst seltene Lichtaufnahme des Sees. Auch konnte mein Solar nun viele leeren Akkus laden.
Am 'Conic Hill' bei 'Drymen' (Destrikt Stirling) verließ ich ihn leider und marschierte talweinwärts dem Weg hinterher. In 'Milngavie' – am Ausgangspunkt des Ways (für mich Endpunkt) –, traf ich auf einem Campingplatz (4 Euro / Nacht) Oliver A., einem 'West-Higland-Way'-Wanderer wieder. Er hatte mit mir eine Nacht in der 'Doune Bothy' verbracht. Dank ihm konnte ich endlich meine unbenutzten Romeykarten auspacken und benutzen.
Als sich unserer Wege dann in 'Glasgow' trennten, verzweifelte ich beinahe: Ein Postlagerungs-Paket meiner Eltern war noch nicht bei der Post angekommen, obwohl es bereits überfällig war. Ich musste drei weitere Tage darauf warten, vertrieb mir die Zeit mit neuer Wanderstiefel-Suche (die Alten waren verschlissen) und sinnloser Bereicherung teurer Cafes für Tee und Kuchen. Übernachten dafür tat ich gut versteckt in Stadtpark-Dickichten, was nicht gerade ungefährlich war.
Als das Paket plötzlich ankam, schnappte ich es und flüchtete regelrecht aus der schmucklosen, hektischen Stadt, hinunter zum Hafen von 'Troon' (Destrikt South Syrshire). Dort buchte ich ein Fährenticket: Die Grüne Insel wartete bereits.

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Kapitel 28
Segen und Fluch der italienischen 'Via Francigena'


17. September 2011> Nach 'Fidenza' drosselte ich endlich mein eiliges Tempo und legte dringende Rasttage ein, da ich in die mückenloseren Apeninnen übertrat – mit Wald, Bergen und kühlen Winden! Sogar umgepflügte Felder gab es in dieser bergigen Schönheit. Die Weinfelder waren dafür bereits abgeerntet, nur noch Rosinen konnte ich ernten, sowie Feigen. Die Herbstkühle begann (leider nur nachts). Durch bleibende Tages-Hitze und fehlenden Regen blieben auch die Apeninnen diesig. Dafür waren meine quälenden Siestas endliche vorbei! Die Apeninnen verlaufen meist zwischen 800 und 1200 Höhenmetern.
Im kleinen 'Bordone' traf ich zur Mittagsrast 5 italienische Pilger aus der Rivera-Stadt 'La Spezia'. Sehr freundlich stimmten Fiorella, Marina, Carla, Nico und Gioseppe nach englischer Unterhaltung zu, dass ich mit ihnen mitlaufen konnte. Es war das erste Mal seit dem Beginn meiner ersten Reise von 2009! Zusammen marschierten wir – oft auf steinigsten Wegen schwitzend – bergauf und -ab bis 'Cassio'. Dieses Tagesziel gemeinsam zu erreichen ließ ein unbekanntes Höhegefühl in mir auflodern. Sie luden mich sogar zur Abendpasta in der Bar ein. Ganze 3 Tage marschierte ich mit ihnen mit, sie überredeten stets die Hostelieros, dass ich umsonst auf deren Wiese zelten durfte. Sie stellten sich als sehr naturverbunden heraus. Von ihnen erfuhr ich auch einige italienische Gepflogenheiten, wie die Handgesten. Da sie jede Kirche begutachteten, entdeckte ich, wie prunkvoll alles darin mit Gold-Requisiten geschmückt war. Insgeheim fragte ich mich, wie viel Menschenleben, Gräueltaten und Kriege einst für diesen Prunk hergehalten haben. Meine Meinung ließ ich zu den Fünfen verschleiert und bewunderte mit ihnen.
Bergauf konnte ich jedoch meist schlecht mithalten. Nico und Carla sprangen wegen Fußproblemen ab. Schließlich, bei der von abendlich schimmernden Olivenbäumen umsäumten Stadt 'Pontremoli (Region Toskana) war ich derart erschöpft (34 Kilometer am Tag!), dass ich sie am Folgetag ziehen ließ, zumal ich nicht als Schmarotzer gelten wollte. Dennoch sah ich sie in 'Aulla', wo ich – nach mehrfachem Verlaufen und Flussüberquerungen – zur kostenlosen Pilgerherberge gelangt war.
Ende September begann endlich die Esskastanien-Zeit. Durch ihre Stärke ersetzte ich damit meine hierzulande teuren Haferflocken und nahm – neben den Feigen – dadurch etwas zu.
Die Berg- und Mittelmeerorte bestehen oft aus verschlungenen, hohen Gassen und Treppengängen.
Ständig querte ich enge Jagdhund-Zwinger, worin diese unaufhörlich bellen und in ihrem eigenen Kot und der Enge leben. Mit ihrer aggresiven Kläfferei brachten sie mich stets zum Wahnsinn.
Meine treuen Meind-Schuhe verloren seit der Erklimmung der Apeninnen stets mehr Sohle und Gummi-Stücken. Vor ihrer Auflösung schickte ich sie später zur Neubesohlung zur deutschen Meindl-Werkstatt ein, bei der ich um Sponsoring bat.
Nach 'Sarzara' wich ich von der Via Francigena über schönste Bergwanderwege und -terassen zur italienischen Rivera bei 'La Spezia' ab. Dort hielt ich faszinierende Panoramen vom blauen Meer, rotbedachten Küstenorten sowie eine Steilklippe im Abendrot fest.
Zurück auf der Via Francigena packte mich sofortige Enttäuschung, da die Bergwege zur Küste im Vergleich wahrlich gut sind. Nun folgte der Weg 50 Kilometer lang schrecklichste Fernstraße, die oft zum Überfahren gefährlich war. Drumrum breitete sich unansehnliches, überbevölkertes Flachland aus; die Berge blieben in der Ferne. Oft hatte ich Probleme, ein verstecktes Nachtlager zu finden. Einmal wurde ich von Jägern entdeckt, wodurch ich es umbauen musste. Im unansehnlichen 'Massa' entdeckte ich durch meine Liste den Nachtplatz in einem Haus für Hilfebedürftige. Dort fanden sich abends 2 Afrikaner, 2 Italiener und ein Albaner (der durch 10 Jahre in München Deutsch sprach) ein, die alle auf Arbeitssuche im Land umher reisten. Der Albaner Nick legte sich zum Abendbrot unverhofft mit den Betreuern an, 'mir' mehr zu geben, da ich sichtlich viel zu schleppen hatte. Es artete zu einer Diskussion aus, was mir überaus peinlich war, da ich nicht danach verlangt hatte. Dafür verstand ich mich mit den anderen gut und zeigte ihnen meine Digitalbilder. Beim Weitermarsch hetzte ich mich, um über 30 Kilometer Fernstraße hinter mir zu lassen. Am Frühabend war ich derart gereizt, dass ich meine Wanderstöcke sogar auf den Fahrbahnrand warf, jeden Hund und glotzenden Italiener anschrie und die Autofahrer laut verfluchte. Bis in die Nacht marschierte ich hinein. Kaum hatte ich eine Pilgerherberge in 'Valpromaro' erreicht, ließ man mich ein ... und ich konnte – allein – die Küche voll ausnutzen. Jeder Frust war belohnt worden.
Eine Besonderheit ist die folgende Stadt 'Lucca': Ihr Stadtkern ist von einem alten, begrünten Wehrdamm umkesselt, mit vielen verzierten Kirchen, Klöstern und Basilisken, einem Kolloseumsrund, aber auch massivem Tourismus, der sich durch die alten Gassen quetschte. Darin errfuhr ich, dass der alte Pilgerpfad nach Florenz nur noch eine Fernstraße war und nicht mehr existierte. So folgte ich noch 3 Tage der Via Francigena (mit höchster Straßengefahr!). Am letzten Tag des Weges holte ich sogar die 3 Amerikaner-Fauen Pamela, Lin und Martha in 'Altopascio' ein, denen ich seit 200 Kilometern stets wieder begegnet war. Mit ihnen, den 2 Norwegern Rünatl und Morton sowie dem Italiener Stefano wurde ich unverhofft zum Abendessen am Kirch-Restaurant eingeladen. Dort wurde mir mit Pasta, Wein, Grappa und (auch diskutierenden) Gesprächen warm ums Herz. Es wurde ein perfekter Abschied vom Pilgerweg nach Rom, den ich danach für 2 Monate verließ.
So folgte ich auf eigene Faust dem Flusslauf des 'Arno' (ohne Karte) nach 'Florenz', marschierte zuerst mühsam über Wanderweg-Systeme in die toskanischen Apenninen zurück und erreichte nahe 'Palazzuolo sul Senio' – inmitten ruhiger Berge – den abgelegenen Hof vom deutschen Torsten E. und seiner Familie, bei denen ich eine Laufrast einlegte und für Kost und Logis sämtliche anfallenden Arbeiten machte.
Nach 7 ½ Monaten, 4300 Kilometer durch Südeuropa und 2 Paar abgelaufenen Schuhen sollte dies mit eine vorerst wohlverdiente Heimat werden.

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