Reisetagebuch-Ausschnitte: Italien
Jede italienische Region in je einem Blog-Eintrag:
Das Alpenzentral-Massiv des Monte Bianco: 190. Tag (26.8.2011)-> Wetter: wechselnd bewölkt, sinkender Hochnebel, Berge fahl, abends Regen; warm->kühl
Das Nötigste packte ich in meinen kleinen Rücksack, den Großen versteckte ich unter der Zeltplane im Dickicht; sägte noch einen Grabstock gegens Abrutschen. Dann marschierte ich die Straße hoch, an einer (Touristen-)Kirche vorbei und in einem mit "Dangerous"-beschilderten Weg. Leider - nach hin und her und über Geröll-Granitfelder - hatte ich den Pfad von der Karte nicht gefunden. Zudem ging der Gletscher zur Hütte auf der Ostseite des Mont-Blanc (für gutes Morgenglühen) >50 Grad steil hinauf. Wo sollte da ein Weg sein?! Da ich stets auf wackeligem Geröll rutschte brach ich den Plan zum AUfstieg ab. Trotz Rätselei und andere Karten-Wegsuche nahe an den Mont Blanc gab es keine Chance, da alles (im Süden und Westen) zu steil hinauf ging.
Zurück zum großen Rucksack - mit neuem Plan am 'Tour de Mont Blanc'-Weg auf Ostflanke 'Couremayeurs' (Touristen-Hochburg:/), wo es einen Punkt gab, wo theoretisch Aussicht zum Mont-Blanc ist.
13 Uhr runter in die Stadt, auf den Weg dann hoch auf 2000 Höhenmeter. Überall hingen Warnfahnen an den Seiten, für den Wettlauf der T.M.B. am nächsten Morgen. Am Wegknick des Refuges Bertone (teuer) am 'Le Pre' sprang ich vom Weg und der Sichtweise vom Refuge weg und suchte gute Aussichtsstelle am Kamm. 1/2 h rätselte ich, wo ich das Zelt aufbauen sollte, da die Sicht zum Mont-Blanc völlig im Hochnebel verschwamm, sowie die Gefahr da war - falls ich mehrere Tage auf ein klares Sonnenglühen warten musste - entdeckt zu werden. Unter Kiefern stellte ich mich auf weniger abfälligen Grund auf, abends wurde es kühl. Es regnete nachts auch noch in Strömen :/
Gemüt: Lethargisch
191. Tag (11.6.2011)-> Wetter: wechselnd bewölkt, windig; kalt, kühl-warm
Morgens aller Hoffnung beraubt, sah ich aus dem Zeltausgang ... Adrenalinschub! Der Berg war durch den Regenablass der Nacht klar! Ich sprang raus und machte in der Kälte mehrere Sonnenglühbilder des klaren Mont-Blanc: Dem größten Highlight Europas mit über 4800 Höhenmeter! Ich habe den Aufstieg nicht bereut!
Nach 1 h waren die Massive jedoch wieder vom meist herrschenden Hochnebel verdeckt. Ich aber war zufrieden
...
Die Poebene (Pianora Padana): 206. Tag (11.9.2011)-> Wetter: sonnig, heiss :/
Halbwegs durchgeschlafen. Nach Wegerichtee müßig 9 Uhr (normal viel zu spät): Aufbruch.
Monoton entlang der Bewässerungskanäle und nassen Reisfeldern. Wegmarker der 'Via Francigena' sind miserabel. Vor 'Bozolla' dann verlaufen. Dafür hat das Örtchen eine schöne Kirche (katholischer Prunk überall), drumrum standen massig Autos (Messebesucher). Nach mehrmaligem Fragen kam ich auf den Weg zurück. Oft querten Autos die Feldwege.
In 'Gropello Cairol' Mittagsrast nach langer Schattensuche, sogar mit Sitzbank. Dennoch 4x von Mücken gestochen (normalerweise blieb ich in Orten durch die Bebauung davon verschont).
Bei Weitermarsch oft weiße Kraniche, Fische in Kanälen und blaue, sogar rote Libellen beobachtet. Die gackernden Faane sind der Hammer :). Jedoch verlief ich mich erneut, Mücken kamen viel zu zeitig (es war erst 17 Uhr, normalerweise beginnt es erst 19 Uhr).
Auf dem Weg zurück begann der Mückenwahn am Fluss neben 'Canarazzo': Jede Sekunde wurde auf mich eingestochen, 2 km lang. Stehenbleiben ging nicht, über 20 Mücken umschwärmten mich! 1. Anfrage bei einem Anwohner zum Übernachten: "Niente" :/. Bei einer Strandbar wieß man mir dann freundlich einen Platz. Eilender Zeltaufbau und rasch im Fluss von den Stichen gekühlt. Abends nur noch Barmusik und Mückensummen gelauscht.
Wildpflanzen: Portulak, Melde Wegerich
Gemüt: Erschöpft
207. Tag (12.9.2011)-> Wetter: diesig, sonnig; heiß
Mufflig aufgerappelt. Kaum los, gings wieder los: Mückenwahn wie gestern! Folge: Durchgedreht, verzweifelt, oft gerannt und geheult. 1 h Hast ohne Stopp. Langsam reichte es mir! Wann endet diese Ebene endlich!
Erreichen der Stadt 'Pavia'. Endlich war Verschnaufen möglich ...
...
Die Apenninen, 1. Querung: 216. Tag (21.9.2011)-> Wetter: sonnig; warm
Frühzeitig - ohne viel Abschied von der Kirchgemeinschaft, wo ich auf einen Schlafplatz bestand - los, stets auf Straßen (Wanderweg?) bergauf und teils -ab, etwas verschnupft. Hinter 'Respiccio' 5km Fernstraße (Via Frncigena :/) entlang, wieder auf den deutschen Pilger getroffen, den ich seit gestern öfter begegnete und er keine Lust hat, mitzulaufen; will nachdenken und vor sich hinpfeifen - auch gut. Von einem Anwohner bekam ich plötzlich 4 Äpfel geschenkt - grazie.
Bei einer Mittagsrast in 'Bardone' mit schöner Apenninenaussicht gesellten sich die Italiener-Pilger Fiorella, Marina, Nico, Giuseppe und Carla aus 'La Spezia' zu mir, die dorthin zurück laufen wollen. Sie planen täglich nur 20km, ähnlich wie ich. Zum Teil konnten sie Englisch. Nachdem ich ihnen meine italienischen Zeitungsartikel vorlegte, verstanden wir uns ganz gut und sie gaben mir etwas zum Mittag (Müsliriegel). Sie ließen sogar die Kirche des Ortes öffnen. Im Innern war sie wahrlich schön (Foto). Dennoch erkannte man, dass die kath. Kirche reich ist. Wie viele Opfer mussten für dieses Gold und den Prunkt ihr Leben lassen, beim Abbau, bei Kämpfen und Kriegen. Bedenke ich zudem die Hexenverbrennungen - lassen wir das!
Zusammen (seit Anbeginn meiner ersten Tour 2009) wanderten die Italiener und ich heute noch 4h zusammen; ich hielt gut mit. Durchweg führte der Weg bergauf, von Straße auf oft schlechte, steinige Wege, durch Wald und Höhen von etwas 800 Höhenmetern. Den 5en - zum Teil auch naturverbunden - zeigte ich Tipps der Wildpflanzen (Malve, Hagebutten-Wissen); sie zeigten mir einige Handzeichen, die die Italiener gestenreich benutzen (Hunger: Handkantenschlag auf rechte Lande ...). Zwar machten wir unregelmäßige Pausen, aber hatte ich durch den Mitmarsch guten Antrieb. Ohne sie hätte ich mein Tagesziel 'Cassio' (20.km) heute nicht erreicht. Großteils erwiesen wir uns gegenseitige Kameradschaft und Freigiebigkeit. Das sonst nervige Hundekläffen lachte ich endlich mal wieder aus :). Im Bergort 'Cassio' überredeten sie den Ostelliero mein Zelt kostenlos auf der Wiese aufzuschlagen, und luden mich sogar noch zum Abendbrot in der Ortsbar ein. Zusammen 1 Ziel zu erreichen schweißt eben doch zusammen. Grande grazie mille.
Gemüt: Zufrieden (seit langem nicht mehr)
Wie lang ich mit den Italienern mitlief und mit welchen (Um)Wegen ich zurück in die Apenninen auf einen Hof - fernab von Straßen, Lärm und mit einer > 1 monatigen Laufrast (4000km, 7 1/2 Monate, 2 Paar abgelaufene Schuhe) - kam, erfahren Sie nur im Diavortrag oder Buch. Nahe 'Marradi' (zwischen Florenz und Bologna) arbeitete ich seit Mitte Oktober 2011 als Wwoofer - für Kost und Logis. Im italienischen Winter geht es dann weiter Richtung Rom und meiner 2. Etappe der Südeuropa-Diaerkundung.
Ich entdecke Europa zu Fuss, mit bester Ausrüstung, Herz und Kreativtät. Das ist mein Job!
Palazzuolo, vom 17.09.2011